Das Kunstwerk des Monats Juli 2010

Henri Rousseau (1844-1910), Urwaldlandschaft mit untergehender Sonne – Neger von einem Jaguar angefallen, um 1909, Öl auf Leinwand, 114 × 162,5 cm; Basel, Kunstmuseum, Schweiz


    Das großformatige Bild des französischen Künstlers Henry Rousseau zeigt einen engen Landschaftsausschnitt mit dichter Vegetation. Wie eine grüne Wand, in der punktuell gesetzte gelbe und rote Farbakzente nur mäßige Belebung hervorrufen, füllt die Schilderung der Pflanzenwelt mit ihrer Blütenpracht fast die ganze Bildfläche. Lediglich in der Mitte des oberen Bilddrittels gewährt der Pflanzenbewuchs einen Durchblick auf einen hellen, blau-grünen Himmel und eine darin enthaltene scheibenförmige rote Sonne. Genau unterhalb der Sonne, in der Nähe des unteren Bildrands, sind die einzig sichtbaren Bewohner des Pflanzenmeeres dargestellt: vor der schwarzen Silhouette einer Menschengestalt hebt sich kontrastreich der helle Körper einer Raubkatze, eines Jaguars ab. Mensch und Tier sind eng umschlungen im Kampf begriffen. Bewaffnet nur mit einem Messer versucht sich der Mensch gegen die Krallen und Zähne des Raubtiers zu wehren.
Die Urwaldlandschaft, die Rousseau gemalt hat, ist jedoch wenig realistisch. Schilderungen des Urwalds aus dieser Zeit wird Rousseau gekannt haben, so wie die von dem Geograph L. Waibel: „Auf dem Waldboden lebt man auch am Tage zwischen Unterholz und Blättern in einer ewigen Dämmerung. […] Der tropische Regenwald baut sich in vier Stockwerken auf. Zuunterst finden wir Kräuter und kriechende Pflanzen. Daraus erheben sich mehrere Meter hohe Sträucher und junge Bäume. Über ihnen schließen sich ausgewachsene, etwa 20 bis 30 m hohe Bäume mit ihren breiten Kronen und den zahlreichen sie verbindenden Schlinggewächsen zu dem eigentlichen Dach des Waldes zusammen. Und daraus erheben sich in Abständen von mehreren hundert Metern vereinzelt Baumriesen 60 und 70 m hoch.“
Wie schildert nun Henri Rousseau den Urwald, wie hat er das, was er an Anregungen aufgenommen hatte, in die unverwechselbare Sprache seiner Bilderwelt übersetzt?
Wie von einer leichten Anhöhe schaut der Betrachter in die Urwaldszenerie des Henri Rousseau hinein. Kulissenartig baut sich eine vielfältige Pflanzenwelt auf. Eher gleichförmig sind einzelne Pflanzensegmente, die kaum variiert werden, an- und übereinander gesetzt. Aus dieser Schematisierung resultiert eine geradezu märchenhafte Stille und Unbewegtheit, die das Bild ausstrahlt. Selbst die Kämpfenden, die im Vergleich zur Pflanzenwelt klein anmuten, können diese Stille nicht stören.
Der Maler baut die geringe Räumlichkeit seines Bildes mit den Mitteln der helleren Nähe und dunkleren Ferne und der Überschneidung der Flächen-Formen, im Sinne eines kulissenartig gegliederten Nahraums auf. Unterschiedliche Gewächse sind zu Gruppen zusammengefasst. Rundliche Blattformen stehen im Gegensatz zu länglichen, spitzen Dolch- oder Säbelformen, die in den fast rippenartig wirkenden Blättern der beiden Bäume ihre Steigerung erfahren. Jede einzelne Pflanze ist genau gekennzeichnet, obwohl sich keine einer bestimmten Gattung zuordnen lässt. Die Körperhaftigkeit der Blattformen und Gewächse wird durch Abwandlung des Grün zur Nachbarfarbe bewirkt. Die Schrägen und Gegenschrägen der Wachstumsrichtungen vermitteln im Zusammenklang mit den reichen Überschneidungen den Eindruck von Bewegung. Der Rhythmus dieser Bewegung wird durch den inneren Bau des Bildes teilweise aufgehoben oder in Frage gestellt. Tragende Bildachse ist eine Mittelsenkrechte durch die Sonne und die Figurengruppe. Sie wiederholt sich in den Senkrechten der beiden Bäume. Diese Richtung findet ihren Ausgleich in den an die Waagrechte angelehnten Bändern der Pflanzen.
In diesem Urwald von Rousseau wird aus Dunkelheit und Dämmerung und undurchdringlichem Pflanzengewirr, ein wohl geordnetes, helles Bild. Henri Rousseau malt seine Idee vom Urwald, vielleicht ein Symbol für Lebensprozesse, in die auch der Mensch selbstverständlich eingeordnet ist. Dabei bedient er sich einer Bildsprache, die auf jeden Effekt verzichtet und bilderbuchartig dem Betrachter in allen Teilen des Bildes eine klar erkennbare Mitteilung machen will.
Für uns ist heute diese Bildsprache „Naiver Malerei“ selbstverständlich ein Teil der Malerei geworden. Zu Lebzeiten Rousseaus, im späten 19. Jahrhundert und dem beginnenden 20. Jahrhundert, provozierte seine Bilderwelt sowohl Zustimmung als auch ironisches Gelächter.
Das Frankreich des 19. Jahrhunderts war von politischen und gesellschaftlichen Spannungen geprägt und zerrissen, auf die auch die Kunst reagierte. Da gab es den scheinbar heiteren Kunst-Kulturrummel der Belle Epoque genauso wie die verspotteten Impressionisten. Cézanne rang in seinem Werk um das Wesen der Dinge. Gauguin verließ Europa, angeekelt von seiner Intellektualität, Dekadenz und Gleichgültigkeit. Vincent van Gogh rang in seinen Bildern mit sich und der Welt. Die jungen Maler Picasso und Braque schickten sich an, in der Malerei die Möglichkeiten revolutionärer Entdeckungen und Neuerungen anzugehen.
In dieser widersprüchlichen Welt malt Henri Rousseau in Demut und Heiterkeit, fest von seiner Berufung überzeugt, unbeirrbar seine Bilder. Rousseau war Autodidakt. Als Zollbeamter malte er lediglich in seiner Freizeit, ohne eine künstlerische Ausbildung genossen zu haben. Erst nach seiner frühen Pensionierung mit etwa vierzig Jahren, widmete er sich völlig der Malerei. Er selbst betrachtete sich als realistischen Maler und orientierte sich eher am Akademismus seiner Zeit, die aktuellen Tendenzen ignorierte er völlig. Mit seiner typisch naiven und bilderbuchartigen Darstellungsweise gelang es ihm die Atmosphäre von Träumen, von poetischem Zauber auszudrücken. Von daher lässt sich seine Kunst sowohl tendenziell dem Bereich des Symbolismus als auch der späteren surrealistischen Haltung zuordnen. Seine Malerei ist keine Abbildung von Realität, sondern die Darstellung einer inneren Vision. Seine Einbildungskraft mag möglicherweise so stark gewesen sei, dass er die Imagination für Realität hielt.

Weitere Kunstwerke