Das Kunstwerk des Monats Oktober 2011



Umberto Boccioni (1882–1916), Die Straße dringt in das Haus (La strada entra nella casa), 1911, Öl auf Leinwand, 100 × 100,6 cm; Hannover, Sprengel Museum, Deutschland

Das nahezu quadratische Bild von Umberto Boccioni wirkt verwirrend, chaotisch, dynamisch, hektisch und laut. Die zahlreichen kleinen Formen und Farbflächen bewirken, dass der Blick des Betrachters zunächst auf die blaue ruhigere Großform der Frau auf dem Balkon im Vordergrund fällt. Sie ragt ein wenig rechts der Mitte vom unteren Bildrand leicht nach links empor, sodass ihr Kopf, noch exakter ihr Ohr genau der Mittelpunkt des Bildquadrates ist. Ihre Rückenfigur nimmt den Blick des Betrachters auf und lenkt ihn weiter. Dazu der Maler: „Wenn man eine Person auf dem Balkon (Innenansicht) malt, so begrenzen wir nicht die Szene auf das, was uns das schmale Fensterviereck zu sehen erlaubt, sondern wir bemühen uns, die Empfindungen des Auges der Person auf dem Balkon in ihrer Gesamtheit zu geben: das sonndurchflimmerte Gesumm der Straße, die Häuserreihen, die sich rechts und links entlangziehen, die blumengeschmückten Balkons; das heißt: Gleichzeitigkeit der Atmosphäre, folglich Ortsveränderung und Zergliederung der Gegenstände, Zerstreuung und Ineinanderübergehen der Einzelheiten, die von der üblichen Logik befreit eine von der anderen unabhängig sind. – Um den Betrachter nach unserem Manifest in der Mitte des Bildes leben zu lassen, muss das Bild die Zusammenstellung dessen sein, an das wir uns erinnern und dessen, was wir sehen. Man muss das Unsichtbare geben, das erregt über Undurchsichtigkeit erhaben ist, was rechts, links und hinter uns ist, nicht den künstlich verengten Lebensausschnitt (...).“

Wir also lehnen wie die Frau an dem Balkongitter, wir folgen ihrem Blick und erkennen im Mittelgrund des Bildes das lebhafte Treiben auf einer Großbaustelle: Bauarbeiter heben eine Baugrube aus und stellen Holzstäbe auf zur Errichtung eines Gerüsts für einen Neubau. Es wimmelt nur so von Arbeitern, die die unterschiedlichsten Tätigkeiten ausführen. Fuhrleute mit ausholenden Bewegungen, störrische Gäule, sperrige Deichseln und Ziegelkarren sind dort unten auf dem Platz. In den Rot- und Orangetönen erkennen wir Ziegel und Pferde, dazwischen ragen dunkle Deichseln zum Bildmittelgrund, zur Großbaustelle mit rötlichem Gestänge, Leitern, Ziegelhaufen, begonnenen Mauern, mit lichten Stellen gehäuften Zements und Sandes und spiegelnden Pfützen. Überall wimmelt es von Arbeitern in hellen Hemden, dunklen Hosen und schwarzhaarigen Köpfen.

Die hektische Szenerie ist von intensiver Farbigkeit die wie Farbschlieren wirken, die an Licht, Geschwindigkeit und Geräusche erinnern, nichts lässt den Blick des Betrachters zur Ruhe kommen. Umrahmt wird diese Bildszene von Hausfassaden, die in Richtung des Bildmittelpunktes zu kollabieren scheinen und sich auch in ihrer Farbigkeit von einem pastellfarbenen Violett, über ein lichtes Blau bis schließlich hin zu Gelb gegen den Mittelpunkt steigern. Rechts sowie links an den Häusern befindet sich ebenfalls eine Frau auf einem Balkon, die auf das Geschehen herniederblickt.

Eine Inspiration bezüglich dieses Werkes erlangte Boccioni wohl von seinem Wohnort in Mailand, dem Obergeschoss des Hauses mit der Nummer 23 in der Via Adige, wo er von 1908 bis 1913 mit Unterbrechungen lebte. Die Gegend war gekennzeichnet durch die schnelle Industrialisierung und große Bautätigkeit.

Alles durchdringt sich in Gleichzeitigkeit. So scheint am Rücken der Frau entlang ein Pferd zu galoppieren. Es befindet sich, trotz seiner geringen Größe scheinbar weiter vorne im Raum als die deutlich größere Frau und „dringt so“ als Element der Straße „ins Haus“. Auch andere Arbeiterpferde recken Kopf und Hals durch das Balkongitter als ob jede Statik aufgehoben und die Gesetze des rationalen Bildaufbaus außer Kraft gesetzt wären. Alles scheint auf das Zentrum zuzustürzen, und dieses Zentrum ist die Frau, die sich hinauslehnt. Ihr Kopf, in dem sich sämtliche Eindrücke sammeln, befindet sich exakt im Fadenkreuz der Diagonalen des Bildes.

Mit solchen vehementen Bildern, die alltägliche Szenen in eine dynamisierte Formsprache umsetzen, gibt Boccioni seinen Vorstellungen vom Futurismus Ausdruck, jenem aus Italien stammenden ästhetischen Ideal einer permanenten Revolution. Ausgehend von einer unbedingten Hingabe an die Modernität und Technik des 20. Jahrhunderts wollten die futuristischen Künstler die dynamische Erscheinungsweise der Welt mit den neuen Bildmitteln der Simultanität, der Durchdringung und Transparenz darstellen. Folgen wir der futuristischen Auffassung, so meint Simultaneität die Verbindung objektiver Anschauungen mit den durch Sinnesempfindungen angeregten subjektiven Gedanken- und Gefühlsassoziationen. Bildnerisch übertrug Boccioni dieses Prinzip durch die Wiederholung ein und desselben Bildelements einerseits (die Frau am Balkon wiederholt sich an den Seiten, in anderer Kleidung zwar, aber in derselben Pose), aber auch durch das gegenseitige Eindringen der Objekte. Die Wiederholung der beobachtenden Frau thematisiert die Gleichzeitigkeit der Perspektiven, ist aber auch eine Aufforderung an den Betrachter die Komplexität der Geschehnisse assoziativ wahrzunehmen. Die gegenseitige Durchdringung der Objekte führt uns zu einem weiteren zentralen Punkt, dem Dynamismus. „Der Dynamismus ist die simultane Aktion der charakteristischen Bewegung, die dem Gegenstand eigen ist (absolute Bewegung), und der Veränderung, die der Gegenstand durch die Ortsveränderung im Verhältnis zur beweglichen oder bewegungslosen Umgebung erfährt (relative Bewegung)“. So überschneiden sich die Objekte im Werk und beeinflussen sich gegenseitig. Boccioni setzt sie übergangslos zueinander ins Verhältnis. Das Pferd ragt in den Balkon und in den Kopf der Dame hinein, die Häuser fallen zusammen. Bereits der Titel „Die Straße dringt in das Haus“ impliziert das Aufbrechen und Verschmelzen verschiedener Sphären, nämlich des privaten mit dem öffentlichen Raum. Gelegentlich wird der Titel auch mit „Der Lärm der Straße dringt in das Haus ein“ übersetzt, womit der Versuch angedeutet wird akustische Reize optisch wiederzugeben. Die geschieht auch durch die starken Komplementärfarben unseres Bildes. Sie sind „energetisch“, das heißt voll Kraft steht das Violett zum Gelb, das Blau zum Orange.

Umberto Boccioni wurde am 19.10.1882 in Reggio Calabria geboren. Er starb am 16.8.1916 im Ersten Weltkrieg an der Alpenfront nach einem Reitunfall. Sein Vater war Beamter in Genua, Padua, dann in Catania, wo Umberto Studien am technischen Institut beendet. Gegen des Vaters Willen lernt er in Rom handwerklich Malerei und Grafik, wovon er dann als Werbezeichner und Zeitungsillustrator lebt. Sein Freund Severini besucht mit ihm den aus Paris gekommenen Maler Giacomo Balla, der ihnen Abbildungen französischer Gegenwartskunst zeigt, Divisionist ist und sie in seinem Atelier anleitet. Boccioni gewinnt einen Wettbewerb für Maler in Rom und besucht in Paris Werke der Impressionisten und Cézannes. 1905 stellt er in Rom aus, muss aber weiterhin sein Geld als Werbegrafiker in Mailand verdienen, wohin er 1907 mit Mutter und Schwester zieht. In seinem Tagebuch heißt es: „Ich möchte Neues, das Ergebnis des industriellen Zeitalters malen!“ Erst nach einer Ausstellung von 42 Werken 1910 in Venedig folgt die eigentliche futuristische Phase zu der das vorliegende Gemälde gehört.