

Christoph Meckel (geb.12.6.1935)
Christoph Meckel stammt aus einer Künstlerfamilie. Sein Vater war Schriftsteller, sein Großvater Architekt. Er verbrachte seine Kindheit in Freiburg, wo er später auch Grafik an der Kunstakademie studierte. Meckel arbeitet seit 1956 als Schriftsteller und Grafiker. Er ist ein Weltenbummler, reiste durch Europa, Afrika, Amerika und lebte unter anderem in der Toskana und in Südfrankreich.
Seine Auseinandersetzung mit der Generation seines Vaters bezogen auf Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg findet seinen Niederschlag in Suchbild. Über meinen Vater aus dem Jahre 1980. 2002 setzte sich Meckel ebenso intensiv mit seiner Mutter auseinander. Das Ergebnis: Suchbild. Meine Mutter
Rede vom Gedicht (1974)
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Schönheit gepflegt wird.
Hier ist die Rede vom Salz, das brennt in den Wunden.
Hier ist die Rede vom Tod, von vergifteten Sprachen.
Von Vaterländern, die eisernen Schuhen gleichen.
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Wahrheit verziert wird.
Hier ist die Rede vom Blut, das fließt aus den Wunden.
Vom Elend, vom Elend, vom Elend des Traums.
Von Verwüstung und Auswurf, von klapprigen Utopien.
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Schmerz verheilt wird.
Hier ist die Rede von Zorn und Täuschung und Hunger
(die Stadien der Sättigung werden hier nicht besungen).
Hier ist die Rede von Fressen, Gefressenwerden,
von Mühsal und Zweifel, hier ist die Chronik der Leiden.
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo das Sterben begütigt,
wo der Hunger gestillt, wo die Hoffnung verklärt wird.
Das Gedicht ist der Ort der zu Tode verwundeten Wahrheit.
Flügel! Flügel! Der Engel stürzt, die Federn
fliegen einzeln und blutig im Sturm der Geschichte!
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Engel geschont wird.