Simmern, d. 12.7.56

Liebe Eltern  !

F ür das, was Ihre Kinder, unsere Schüler, außerhalb der Schule tun u. für die Art, wie sie sich verhalten, sind Sie als Eltern in erster Linie zuständig u. verantwortlich. Aber neben Staat u. Kirche hat die Schule, die wichtige Aufgabe, in enger Zusammenarbeit mit dem Elternhaus das gesamte Verhalten der Schüler zu beobachten u. mit zu beeinflussen, damit durch die gemeinsame Erziehungsarbeit dem Wohl nicht nur des einzelnen Schülers, sondern auch dem der gesamten Schülerschaft u. damit dem Wohl des Staates gedient wird.

Es ist eine bedauerliche Tatsache, daß die Gefahren, die den Jugendlichen heute drohen, nicht ab- sondern zunehmen. Die Eltern unserer Schüler wissen vielfach nicht, wie gefährdet unsere Jugend heute ist. Die Zahl der Verkehrsunfälle steigt ständig in erschreckendem Maße, u. die Kinder können nicht genügend zur Vor- Um -u. Rücksicht ermahnt werden.

Film, Rundfunk, Illustrierte u. Jugendhefte wirken oft schädlich u. haben schon manchen Jugendlichen von der rechten Bahn gebracht. Daher ist es angebracht, daß die Eltern auch überwachen, was ihre Kinder in der Freizeit tun.

Die sogenannten „Halbstarken“ nehmen zahlenmäßig zu u. sind mit ihren Verbrechen an vielen Orten zur Landplage geworden. Bitte, liebe Eltern, denken Sie darüber nach, wie leicht ein Junge Mitglied solch einer Bande werden kann u. wie gefährdet besonders Mädchen durch diese Halbstarken sind !

Leider müssen wir die Jugendlichen ermahnen, u. bitten auch hier um die Mitarbeit der Eltern, daß sie sich den ausländischen Truppen gegenüber in Deutschland in acht nehmen u. sich vorsichtig verhalten. Leider sehen manche Soldaten in unserer weiblichen Jugend nur Freiwild.

Jetzt kommt die Ferienzeit, u. dann vermehren sich für ihre Kinder die Gefahren im Verkehr, beim Baden, beim Bergsteigen u. unterwegs beim Essen u. Trinken.Fahren per Anhalter ist vom Kultusministerium streng verboten. Ich erinnere die Eltern daran, daß sie haftpflichtig sind für jeden Schaden, den ihre Kinder anrichten, besonders auch bei Waldbränden. Ihre Kinder, die auch unsere Schüler sind, sollen durch Zusammenarbeit von Schule u. Elternhaus weniger gefährdet sein. Auch hier bedarf die Jugend beständiger Belehrungen u. Ermahnungen, die von der Schule nicht allein gegeben werden können.

Aber nicht allein der Gefahrenverminderung soll unsere Zusammenarbeit dienen, sondern auch der Besserung des Verhaltens u. Betragens der Jugend.Es ist nicht zu leugnen, daß die Schüler, auch der Höheren Schulen, oft bei Reisen im In- und Ausland unangenehm auffallen. Leider ist die Zeit vorbei, da Dichter die Zucht der deutschen Männer u. besonders der deutschen Frauen als vorbildlich für die ganze Welt besangen. Unser Verhalten im Ausland wird vielfach als schamlos empfunden. Bei Besichtigungen von Kirchen ruft unsere Jugend durch anstößige Kleidung, leider auch durch die der Mädchen, oft Empörung hervor. Was überhaupt die Kleidung der Mädchen anlangt, so bitte ich besonders die Mütter, mit dafür zu sorgen, daß die Kleidung ihrer Töchter nicht anstößig wirkt. Das ständige Zusammensein mit Jungen unter den heutigen Verhältnissen erfordert von den Mädchen Zurückhaltung. Das ist keine Prüderie, sondern Verantwortung der Jugend gegenüber.

Unserer deutschen Jugend, Buben sowohl als Mädchen, tut Zurückhaltung, Rücksichtnahme, Höflichkeit, Verantwortungsbewußtheit heute besonders not. Die Jungen müssen sich um ritterliches u. die Mädchen um sittsames u. zuchtvolles Benehmen bemühen.

                                                                                                           Der Direktor

 

Lieber Leser,

auch wenn Inhalt und Diktion des Elternbriefes aus heutiger Sicht zum Schmunzeln anregen, sollte berücksichtigt werden, dass Herr Dr. Heß sich damals in echter Sorge um seine Schülerinnen und Schüler und in sehr ernstgemeinter erzieherischer Absicht an die Eltern wandte. Sein damaliges Schreiben gibt uns heute einen punktuellen Rückblick in den schulischen Zeitgeist Mitte der 50er Jahre. Herr Dr. Heß war für die Lehrer unseres Gymnasiums wie auch für uns Schüler eine Autoritätsperson, der wir mit Achtung und Ehrfurcht begegneten.

Klaus-Uwe Witt
Abiturient der OIb/1959